Technische Untersuchungen beginnen selten mit vollständigen Informationen oder einer offensichtlichen Antwort. Die angewandte Methodik ist daher darauf ausgerichtet, aus den verfügbaren Nachweisen ein belastbares Verständnis zu entwickeln und gleichzeitig Annahmen, Unsicherheiten und Grenzen der Analyse transparent zu machen.
Die nachfolgend beschriebenen Schritte erfolgen nicht zwingend in einer festen Reihenfolge und können im Verlauf einer Untersuchung mehrfach durchlaufen werden, wenn neue Informationen verfügbar werden.
Verfügbare Nachweise prüfen
Ingenieurtechnische Untersuchungen beginnen mit der Prüfung der verfügbaren Nachweise. Je nach Aufgabenstellung können hierzu physische Spuren, technische Dokumentationen, Betriebsdaten, Inspektionsberichte, Instandhaltungsunterlagen, Korrespondenz, Zeugenaussagen, Fotografien, Prüfergebnisse oder andere relevante Informationen gehören.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Qualität, Vollständigkeit, Relevanz und Nachvollziehbarkeit der verfügbaren Nachweise, da diese Faktoren massgeblich bestimmen, wie belastbar spätere Schlussfolgerungen sein können.
Annahmen identifizieren
Keine Untersuchung ist vollständig frei von Annahmen. Annahmen können sich aus unvollständigen Informationen, fehlenden Nachweisen, Einschränkungen bei Prüfungen oder Unsicherheiten hinsichtlich vergangener Ereignisse und Betriebsbedingungen ergeben.
Soweit praktikabel werden relevante Annahmen ausdrücklich benannt und bei Vorliegen zusätzlicher Informationen erneut überprüft.
Alternative Erklärungen entwickeln und bewerten
Erste Beobachtungen lassen häufig mehrere plausible Erklärungen zu. Die Entwicklung und Bewertung alternativer Erklärungen reduziert das Risiko vorschneller Schlussfolgerungen und trägt dazu bei, Erklärungen anhand der verfügbaren Nachweise zu prüfen, anstatt sie aufgrund ihrer scheinbaren Plausibilität oder Zweckmässigkeit auszuwählen.
Alternative Hypothesen werden entwickelt, untersucht und auf Grundlage ihrer technischen Stichhaltigkeit sowie ihrer Übereinstimmung mit den verfügbaren Nachweisen bewertet.
Kausalität bewerten
Die Identifikation eines Schadens- oder Fehlmechanismus ist nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit der Identifikation seiner Ursache. Technische, betriebliche, organisatorische und umgebungsbedingte Faktoren wirken häufig zusammen und tragen gemeinsam zu einem Ereignis bei.
Die Bewertung von Kausalität erfolgt durch die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen beobachteten Nachweisen, beitragenden Faktoren und den daraus resultierenden Folgen mit dem Ziel, technisch belastbare und nachvollziehbare Schlussfolgerungen zu entwickeln.
Argumentation dokumentieren
Schlussfolgerungen entfalten ihren größten Wert, wenn die zugrunde liegende Argumentation nachvollzogen und unabhängig überprüft werden kann. Die Dokumentation dient daher nicht nur der Festhaltung von Ergebnissen, sondern auch der Erläuterung des Weges, über den diese Ergebnisse erreicht wurden.
Diese Nachvollziehbarkeit fördert Transparenz, Konsistenz und die Möglichkeit einer unabhängigen Bewertung der vorgelegten Schlussfolgerungen.
Grenzen der Untersuchung kommunizieren
Jede Untersuchung unterliegt Einschränkungen. Nachweise können unvollständig, beeinträchtigt, nicht verfügbar oder widersprüchlich sein. Ebenso können praktische Rahmenbedingungen den Umfang möglicher Analysen beeinflussen.
Solche Einschränkungen werden identifiziert und zusammen mit ihren möglichen Auswirkungen auf Feststellungen, Schlussfolgerungen und Empfehlungen transparent kommuniziert.
Bewusstsein für kognitive Verzerrungen
Technische Untersuchungen werden von Menschen durchgeführt und unterliegen daher kognitiven Verzerrungen, die Urteilsbildung und Interpretation beeinflussen können. Beispiele hierfür sind Bestätigungsfehler (Confirmation Bias), Ankereffekte (Anchoring Bias), Rückschaufehler (Hindsight Bias) und Verfügbarkeitsheuristiken (Availability Bias).
Das Bewusstsein für solche Einflüsse wird durch die kritische Überprüfung von Annahmen, die systematische Betrachtung alternativer Erklärungen sowie die fortlaufende Prüfung gefördert, ob die gezogenen Schlussfolgerungen weiterhin durch die verfügbaren Nachweise gestützt werden.